Sonntag, 9. Februar 2025

Die Kirche Jesu Christi, unseres Herrn


Im Jahre 381 ließ der römische Kaiser Theodosius I. die heidnischen Tempel schließen und das Christentum zur Staatsreligion erheben. Aus der kleinen Gruppe, die sich einst in Galiläa um den Nazarener Jesus versammelt hatte, war durch unermüdliche Missionsarbeit und Festigkeit im Glauben die bestimmende Reichsreligion geworden. Die Jünger hatten den Aufruf ihres Rabbis beherzigt: „Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“ (Matthäus 9,37.38)

Das ist zu Pfingsten passiert. Durch das Eingreifen Gottes, der die Jünger mit dem heiligen Geist erfüllte und dadurch mit dem Mut zur Mission ausstattete, wurden sie zu den ersten Aposteln, die weitere Arbeiter für die Ernte gewannen. Die Jünger traten öffentlich auf als Verkündiger des Messias in der Person des Jesus von Nazareth, der die Hoffnung auf die Vergebung Gottes in die Welt gebracht hatte: Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden.“ (Apostelgeschichte 4,12)

Viele, die zu Schawuot, dem Erntedankfest zum Abschluss der Getreideernte, nach Jerusalem gekommen waren und die aufwühlende Rede des Simon Petrus gehört hatten, ließen sich taufen und nahmen das Evangelium mit in ihre Heimat. Die christliche Religion überschritt die Grenze von Palästina. Diese Entwicklung beschleunigten jene Getauften, denen es nicht genügte, im Alltag nach dem Evangelium zu leben. Sie wollten als Missionare zu den Andersgläubigen im Römischen Reich hingehen und sie mit ihren Predigten zur Umkehr und zur Taufe aufrufen. Der Berühmteste unter ihnen war Paulus aus Tarsos, der durch sein unermüdliches Wirken den Grundstein zur christlichen Weltreligion legte. Wichtig war von Anfang an, dass das Christentum als Gemeinschaft wuchs, deren Mittelpunkt allein Jesus Christus ist: Und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung: ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“ (Epheserbrief 4,3-6) Diese Einigkeit zu erhalten sollte sich allerdings im Laufe der Kirchengeschichte als schwieriger erweisen als es in der Euphorie zu Pfingsten erwartet wurde.

Als Jesus noch durch Galiläa wanderte und zu den Menschen vom Gott der Liebe, dem Vater im Himmel, predigte, erzählte er bevorzugt - zum besseren Verständnis - in Gleichnissen aus der bäuerlichen Lebenswelt der Zuhörer. Einer dieser Vergleiche handelte vom Wachstum eines Senfkorns: Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, so dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.“ (Matthäus 13,31.32) Damit zieht Jesus auch eine Parallele zum Weg des Christentums in der Welt: aus dem monotheistischen Glauben einer Sippe erwuchs es im Laufe von zwei Jahrtausenden zur Weltreligion mit den meisten Mitgliedern. Das Evangelium prägte in immer stärkerem Ausmaß die Zukunft der Menschheit.

Das erste Senfkorn wurde in Mesopotamien gepflanzt, als der Nomade Therach mit seiner Sippe den Süden verließ und in den Norden weiter zog. Warum hat er mit seiner Großfamilie das wohlhabende, komfortable Ur, die Hauptstadt der Sumerer, verlassen und sich im kaum bekannten Haran niedergelassen? War er je Bürger von Ur oder ohnehin nur „durchziehender Nomade“ gewesen? Seine Stütze waren seine drei erwachsenen Söhne Abraham, Nahor und Haran. Das 1. Buch Mose berichtet ausführlich über die Großfamilie des Therach, nennt aber keine Gründe für den Wohnortwechsel. Aber dass ein Plan Gottes dahinter steckte, wird deutlich, als er Therachs ältesten Sohn weiter nach Kanaan schickte und den Rest der Sippe in Haran wohnen ließ - mit einer klaren Botschaft an Abraham: Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“ (1 Mose 12,2) 

Abraham gehorchte Gott und brachte den Monotheismus, dem er anhing, mit in ein Land, in dem es ausschließlich den Polytheismus gab. Vielen Göttern wurden auf vielen Altären Brandopfer dargebracht. Diesem religiösen Brauch folgte auch Abraham, aber er rief nur den Namen des einzigen Gottes im Himmel an, dessen Willen er mit der Übersiedlung nach Kanaan ausführte. Er hinterfragte Gottes Plan nicht, es würde schon einen Sinn machen: „Deinen Nachkommen will ich dies Land geben. Und Abraham baute dort einen Altar des Herrn, der ihm erschienen war.“ (1 Mose12,7)

Der religiöse Sinn hinter der Patriarchen-Geschichte eröffnete sich Jahrtausende später, nachdem die Sippe des Therach zum Volk der Israeliten herangewachsen war und die Geschichte Kanaans prägte. Die Israeliten hatten Königreiche errichtet, die jedoch nicht von Bestand waren. Politisch blieb die Lage instabil, aber die Religion des Eingottglaubens verfestigte sich. Religiöse Schriften entstanden, die Geschichte und Kult der Jahwe-Verehrung für die nachfolgenden Generationen fest hielten. Aber nicht nur Vergangenheit und Gegenwart fanden sich in den heiligen Schriften, sondern auch die Zukunft: die Ankündigung der Geburt des Messias, der die Menschen von den Sünden erlösen wird: Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamme Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn.“ (Jesaja 11,1.2a)

Nach dem Willen Gottes sollte also gerade von diesem schmalen Küstenstreifen im Vorderen Orient ausgehend der Glaube an den einen einzigen Gott die Welt erobern – durch das Kommen des Heilandes in die Welt. Am Anfang dieser Entwicklung stand die Besiedelung Kanaans durch die Israeliten, die die Verehrung Jahwes als alleinig existierenden Gott mitgebracht und durchgesetzt hatten. Baal und Astarte wurden Schritt für Schritt zurückgedrängt und mussten letzten Endes weichen. Die vielen Götter Kanaans verschwanden aus der Gesellschaft, die Nachkommen Abrahams beteten allein zu Jahwe, errichteten ihm einen einzigen Tempel im Land. Die Saat des Senfkorns, dessen Wachstum Jesus in seinem Gleichnis bildlich dargestellt hatte, war aufgegangen. Der Stamm war dank kräftiger Wurzeln im Erdreich in die Höhe gewachsen, viele junge Triebe verhießen eine fruchtbare Zukunft. Aus dem ersten zarten Pflänzchen war ein junger, kräftiger Baum geworden. Wenn man das Gleichnis umlegt auf die reale historische Situation, bedeutet es, dass das von Gott den nomadischen Erzvätern zugewiesene Siedlungsland bereit war für das Erlösungswerk Gottes, das er allen Menschen auf der Welt anbieten wollte. Es war alles gerichtet für das Kommen des Messias.

Die Zeit der Patriarchen lag viele Jahrhunderte zurück. Aus Kanaan war längst Palästina geworden und gehörte zum Römischen Reich, als in dieser politisch wenig beachteten Gegend der prophezeite Messias geboren wurde: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16) Mit der Geburt des Jesus von Nazareth, des Heilands, den Gott als Hoffnung für die Sünder in die Welt gesandt hatte, begann sich eine Veränderung im religiösen Leben der Menschen zu vollziehen. Der Glaube an den einzigen Gott, der das Wesen des Volkes Israel prägte, begann mit Jesu Geburt seinen Siegeslauf zu jenen Völkern, die zu dieser Zeit in ihren Tempeln noch immer ihren vielen Göttern huldigten und Opfer darbrachten. Sie ließen sich durch die Missionare vom Evangelium überzeugen und schworen ihren vielen Göttern, die ihren religiösen Sinn verloren hatten, ab. Das Evangelium vom Sühneopfer Jesu am Kreuz und seiner Auferstehung am 3. Tag vermittelte den Heiden ein ganz neues Gottesbild: es ging um die Vergebung von Schuld durch einen gnädigen Gott und das ewige Leben im Paradies nach dem Tod. Und Jesus von Nazareth, der verheißene Messias, war der Schlüssel, der die Tür zum Reich Gottes im Jenseits öffnete: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Johannes 11,25.26) Die Vergebung der Sünden durch einen liebenden Gott ohne Gegenleistung und die Auferstehung von den Toten am Ende der Zeit für ein ewiges, glückliches Leben im Reich Gottes gaben den Menschen in ihrem Erdendasein einen neuen religiösen Sinn. Sie lernten die Geborgenheit durch einen beschützenden Gott kennen, an den sie sich jederzeit im Gebet wenden konnten.

Den Grundstein zur christlichen Weltreligion hat Jesus von Nazareth dadurch gelegt, dass er als Wanderprediger in Galiläa die kultischen Gesetze der Tora neu auslegte und sie zu einer Ethik des Evangeliums umformte, die auch die Anhänger polytheistischer Religionen in ihrem Alltagsleben übernehmen konnten. So hat Jesus etwa die strengen Reinheitsvorschriften abgelehnt und während seines Wirkens als Prediger auch nicht eingehalten. Er konnte am Genuss bestimmter Speisen, die als verboten galten, nichts religiös Verwerfliches erkennen: Was zum Mund hinein geht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.“ (Matthäus15,11) Und damit meinte Jesus u.a. böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Diebstahl, Lüge, Lästerungen. So machte Jesus das Essen einfach zu dem, was es eben ist: Essen zur Ernährung und kein religiöser Verdienst, mit dem man Gott beeindrucken kann. Jesus ersetzte die Befolgung von Kultvorschriften durch den Glauben, der allein auf der Gesinnung beruhte. Gottes Liebe konnte man als Christ nicht mehr durch fromme Übungen erlangen. Die Getauften begannen ein neues Leben, das nur auf dem Vertrauen auf den Messias fußte: „Ich bin in die Welt gekommen, als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.“ (Johannes 12,46)

Die Botschaft vom Evangelium richteten die Missionare an alle, die sie hören wollten – so wie Jesus einst in Galiläa zu einer sehr gemischten Menschenmenge gesprochen hatte. Das war für die urchristliche Gemeinde das Charakteristikum, dass sie aus allen Gesellschaftsschichten und aus jedem Alter bestand und alle gleichwertig waren. Jeder, der sich taufen lassen wollte, war willkommen: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galaterbrief 3,27.28)

Das Christentum breitete sich im Römischen Reich unaufhaltsam aus. Der Baum, der aus dem Samen des Senfkorns in Galiläa heran gewachsen war, strebte in die Höhe und entfaltete sein breites Geäst. So hatte Jesus von Nazareth es in seinem Gleichnis angekündigt, dass das kleine Senfkorn, wenn es gewachsen ist, „größer wird als alle Kräuter und ein Baum, so dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.“ (Matthäus 13,32b) 

Kaiser Konstantin hatte begriffen, dass die christliche Religion nicht mehr zu besiegen war und die alten Götter des Römischen Reiches ausgedient hatten. Deshalb erklärte er 313 das Christentum zur „erlaubten Religion“ und förderte sie sehr. Die Folge war, dass die Mitgliederzahlen sehr schnell anstiegen. Und als Kaiser Theodosius I. das Christentum 381 zur allein zugelassenen Staatsreligion erhob, erschien die Zukunft der Kirche in rosigem Licht.

Aber mit der religiösen Machtposition kamen die theologischen Streitigkeiten, und die Einheit der christlichen Kirche ging im Laufe ihrer mehr als 2000jährigen Geschichte unwiederbringlich verloren. Der eine starke Stamm, der die üppige Baumkrone trug, teilte sich zuerst in zwei kräftige Äste, danach musste einer von ihnen eine weitere Abspaltung erleben. Es waren zwei entscheidende Ereignisse, die diese nachhaltigen Veränderungen für die christliche Gemeinschaft mit sich brachten - und die bis heute andauern. Es handelt sich dabei um den Bruch zwischen Ost- und Westkirche im 11. Jh. und die Reformation im 16.Jh. Doch weder Verfolgungen noch dogmatische Streitigkeiten konnten das Anwachsen des Christentums bremsen oder gar beenden. Krisen und Streitigkeiten bis hin zu Konfessionskriegen gab es mehr als genug, aber der Glaube an Jesus Christus und sein Erlösungswerk erwiesen sich als starkes Fundament. Der Baum blieb groß und üppig, das Christentum die größte Weltreligion.

Die christliche Kirche ist eine Gemeinschaft, die im Glauben vereint ist. Ihr Fundament ist der Messias: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ (1 Korintherbrief 3,11) Jeder, der sich taufen lässt, trägt seinen Teil dazu bei, dass der Baum, der aus dem Senfkorn gewachsen ist, weiter kräftig nach oben strebt und sich seine Baumkrone nach allen Seiten üppig ausdehnt. Kein Kirchenmitglied ist eine Nebensache, jeder einzelne trägt zum Gelingen bei. Da Menschen unterschiedliche Begabungen haben, gab es von Anfang an verschiedene Aufgabenverteilungen, je nach persönlichen Fähigkeiten, aber alle gleich wichtig und keines entbehrlich, denn: Es sind verschiedene Ämter, aber es ist ein Herr. Es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.“ (1 Korintherbrief 12,5.6)

Der stetig wachsende Erfolg des Christentums scheint zu erklären, warum Jesus in seinem Gleichnis die Möglichkeit einer Erkrankung des Baumes nicht anspricht. Der Psalmist unterstreicht den Baum-Vergleich mit einem idyllischen Bild: Der Fromme ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, gerät wohl.“ (Psalm 1,3) 

Nun müssen wir aber feststellen, dass der Senfkorn-Baum, der symbolisch für das Christentum steht, doch krank geworden ist. Seine Blätter werden welk und fallen zu Boden, und das hat nichts mit dem Herbst zu tun. Das Geäst dünnt aus, viele Zweige verdorren. Ein erschreckendes, neues Bild, welches das Gleichnis vom Senfkorn ergänzt. Es drängen sich Fragen nach dem Warum auf: Haben die Wurzeln keinen festen Halt mehr im Boden und schwächen den Baum? Liegt es daran, dass es immer weniger Fromme gibt, und dass der Glaube an den Messias Jesus von Nazareth mangels Interesse verloren geht? 

Danach sieht es aus, die Finsternis scheint sich über das Licht zu legen. Aber wer an die Worte des Herrn glaubt, hat keine Angst davor, dass die christliche Lehre zu einer belächelten Nischenreligion verkommen wird. Denn Jesus hat den Menschen ein Versprechen gegeben: „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ (Matthäus 24,35) Und wenn man sich die Geschichte der Kirche anschaut, begreift man, dass Jesus nicht nur dann helfend eingreift, wenn einzelne Christen seinen Schutz brauchen, sondern auch die Kirchengemeinschaft. 

In dem Vertrauen auf unseren Herrn und Heiland Jesus Christus können wir auch weiterhin unbeirrt daran glauben, dass der aus dem Senfkorn gewachsene Baum sich erholt und die Zukunft des Christentums dem Ende des Gleichnisses entspricht: Er wird größer als alle Kräuter und ein Baum, so dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.“ (Matthäus 13,32b)

Samstag, 30. November 2024


Das Feuer am Ende der Zeit

Viele Jahre waren inzwischen vergangen, seit Babylon seinem Imperium auch das kleine Königreich Juda einverleibt hatte. Als Konsequenz der militärischen Niederlage musste ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung den Weg ins babylonische Exil antreten. Den Juden wurde Siedlungsgebiet zugewiesen, und die Menschen richteten sich ihr Leben in der neuen Heimat ein. Sie blieben bis auf weiteres unbehelligt. Einige von ihnen bekleideten höhere politische Ämter.

Drei von diesen Israeliten, Schadrach, Meschach und Abed-Nego, nahmen leitende Positionen ein und waren sehr angesehen. Gerade diese Prominenz wurde ihnen aber zum Verhängnis, als es König Nebukadnezar einfiel, einen neuen Kult einzuführen. Er „ließ ein goldenes Bild machen sechzig Ellen hoch und sechs Ellen breit und ließ es aufrichten in der Ebene Dura im Lande Babel.“ (Daniel 3,1) Aber das genügte dem König nicht, er forderte die Anbetung des neuen Götterbildes. Alle Bewohner Babylons hatten davor nieder zu fallen und auf den Knien ihre Verehrung zum Ausdruck zu bringen. Ausnahmen für Andersgläubige waren nicht vorgesehen: „Wer aber dann nicht niederfällt und anbetet, der soll sofort in den glühenden Ofen geworfen werden.“ (Daniel 3,6)

Schadrach, Meschach und Abed-Nego verweigerten den Kniefall, sie hielten an der Verehrung des einen einzigen Gottes Israels fest. Da sie in leitenden Positionen tätig waren, fiel ihr Ungehorsam sofort auf und wurde dem König gemeldet. Voll Zorn drohte ihnen Nebukadnezar mit der harten Bestrafung im Feuerofen. Aber die drei Israeliten ließen sich in ihrem Glauben nicht beirren: Da wurden diese Männer in ihren Mänteln, Hosen, Hüten, in ihrer ganzen Kleidung, gebunden und in den glühenden Ofen geworfen.“ (Daniel 3,21) Feuerflammen schlugen aus dem unerträglich heißen Ofen, ein grausamer Tod stand ihnen bevor, weil sie Glaubensstärke bewiesen hatten und deshalb dem Feuer überantwortet worden waren.

Das Feuer für die Ketzer – die Geschichte wird sich in Europa ab dem Spätmittelalter bis in den Barock hinein wiederholen. Sie sollen ihren Verrat am rechten Glauben auf dem Scheiterhaufen sühnen, das Feuer ihre Seele reinigen. Tausende wurden für ihre religiöse Überzeugung, wenn sie von den Herrschenden als Irrglaube eingestuft wurde, auf dem Pfahl zum Verbrennen angekettet – und sie starben im Feuer auch tatsächlich, qualvoll unter entsetzlichen Schmerzen. Nicht so wie Schadrach, Meschach und Abed-Nego, die unversehrt das Feuer verlassen konnten. Aber ihre Geschichte ist auch eine Märtyrerlegende, für die stets ein glücklicher Ausgang vorgesehen ist. Denn sie soll ein Lehrstück sein für fromme Menschen, die Stärke für ihren Glauben in der Bibel suchen. Ein Tatsachenbericht ist es nicht, wer ins Feuer gestoßen wird, stirbt darin auch.

Der beißende Rauch verbrannten Fleisches stieg von den Scheiterhaufen auf gen Himmel, aber er diente nicht dazu, Gott zu erfreuen. Das war früher der Fall, in der Antike, als auf Altären getötete Tiere, Räucherwerk und Feldfrüchte zur Verehrung einer Gottheit auf einem Altar verbrannt wurden. Die Menschen glaubten, dass der Herr den lieblichen Geruch roch“ (1 Mose 8,21a) und seine Freude hatte an dem Rauch, der tagtäglich zu ihm hoch stieg.

Warum hatte sich eigentlich im Altertum der kultische Brauch der Brandopfer entwickelt? War der Rauch der Grund, weil man überzeugt war, mit ihm Gott im Himmel zu erreichen? Das liegt nahe, denn in jener fernen Vergangenheit wussten die Menschen nichts vom unendlichen Weltall, die Erde galt als eine Scheibe, über der sich der blaue Himmel, die Wohnstatt Gottes, wölbte. Begründet auf dieser Weltsicht bauten die Menschen nicht nur Altäre für die Brandopfer, sondern auch Stufentempel, um ihrer Gottheit näher zu kommen. Wie die Geschichte von der Stimmenverwirrung beim Turmbau von Babel zeigt, nicht immer in Demut und Frömmigkeit.

Mit Jesus Christus endete die religiöse Praxis der Brandopfer. Er hat dies während seiner Zeit als Wanderprediger nie mitgemacht und in seinen Predigten die Menschen dazu aufgefordert, den Opferrauch durch Gebete zu ersetzen. Dadurch hat Jesus die persönliche Beziehung zu Gott an die Stelle der kultischen Routine, die man gedankenlos nach bestimmten Regeln abspulte, gestellt.

Darüber hinaus war das grundlegende Element in Jesu Predigten die Botschaft vom Reich Gottes, das verheißene Ziel, das ewige Leben im Himmelreich zu erlangen. Wer die Ewigkeit im Paradies verbringen darf, entscheidet sich beim Gericht Gottes nach dem Weltuntergang. Alle Menschen werden es nicht sein.

Zum besseren Verständnis erzählte Jesus den Menschen, die sich um ihn versammelt hatten, das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen: Das Himmelreich gleicht einem Ackerbauern, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Knechte schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut.“ (Matthäus 13,24-26) Die Knechte boten dem Bauern an, das Unkraut auszureißen, aber dieser fürchtete, dass dabei auch zu viel vom Weizen verloren gehen würde: „Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune.“ (Matthäus 13,30)

Der Messias ist der Ackerbauer, der den Menschen das Evangelium bringt - also den guten Samen sät. Nun ist es an den Menschen, die frohe Botschaft von der Liebe Gottes anzunehmen, ob sie Unkraut oder Weizen sein wollen. Die Ernte ist das Ende der Welt und jener Zeitpunkt, zu dem bei den Menschen die Guten von den Bösen getrennt werden: „Der Messias wird sammeln alles, was zum Abfall verführt hat und Unrecht getan hat; und diese werden in den Feuerofen geworfen werden; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ (Matthäus 13,41.42) Die Botschaft, die Jesus als Wanderprediger an die Menschenmenge in Galiläa gerichtet hat und die unverändert für uns heute gilt, lautet: im Diesseits wird kein Unterschied gemacht zwischen jenen Christen, die treu in der Nachfolge des Messias stehen, und jenen, die sich nur noch wenig oder gar nicht mehr für Jesus Christus interessieren und nicht mehr nach dem Evangelium leben. Mit einem sorglosen Leben wird Glaubenstreue erst im Paradies belohnt: „Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in meines Vaters Reich!“ (Matthäus 13,43)

Der Zeitpunkt der Apokalypse ist uns völlig unbekannt, allein Gott kennt ihn. Das Ende der Welt wird zwar für die Menschen überraschend einsetzen, aber nicht im Verborgenen passieren: Es wird des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; aber dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.“ (2. Petrusbrief 3,10) Gott der Schöpfer wird nach seinem Willen das, was er einst aus dem Nichts geschaffen hat, beenden, wenn er den richtigen Zeitpunkt gekommen sieht: So werden der Himmel, der jetzt ist, und die Erde durch dasselbe Wort aufgespart für das Feuer, bewahrt für den Tag des Gerichts und der Verdammnis der gottlosen Menschen.“ (2. Petrusbrief 3,7)

Entgegen der traditionellen Geschichten von der unerträglich heißen Hölle und dem Teufel und der ewigen Qual für die Sünder, steht es so nicht in der Bibel. In der Offenbarung des Johannes wird das höllische Feuer für die endgültige physische Vernichtung angekündigt und nicht für das ewige Leiden: „Und der Tod und sein Reich wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl. Und wenn jemand nicht gefunden wird geschrieben in dem Buch des Lebens, der wird geworfen in den feurigen Pfuhl.“ (Offenbarung 20,14.15) Der feurige Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt“ (Offenbarung 21,8b), zerstört - wie jedes Flammenmeer in unserer bestehenden Welt - jene, die sich darin befinden. Dieses Ende kündigt der Hebräerbrief den mutwilligen Sündern an, für sie gibt es nur eine Perspektive: „nichts als ein schreckliches Warten auf das Gericht und das gierige Feuer, das die Widersacher verzehren wird.“ (Hebräerbrief 10,27)

Noch bewachen Engeln den Zugang zum Paradies, dem Reich Gottes: Und Gott trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit den flammenden, blitzenden Schwertern, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.“ (1 Mose 3,24). Aber es wird der Tag kommen, an dem Jesus zurückkehren und die Apokalypse einleiten wird, wie er vor seiner Himmelfahrt angekündigt hat: Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen“ (Offenbarung 1,7a) Und dann hält Gott Gericht über die Menschen: Und ich sah die Toten, groß und klein, stehen vor dem Thron Gottes, und Bücher wurden aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Menschen werden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken.“ (Offenbarung 20,12)

Gottes Maßstab für sein Urteil ist die Barmherzigkeit: Erhaltet euch in der Liebe Gottes, und wartet auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben.“ (Judasbrief, Vers 21) Jesus hat es bereits in der Bergpredigt verkündet: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“ (Matthäus 5,7) Das bedeutet, dass entscheidend dafür, wie nachsichtig oder hart Gott beim Jüngsten Gericht urteilen wird, ist, wie barmherzig ein Mensch mit seinen Mitmenschen umgegangen ist. Vergebung von Gott kann nur jener Sünder erlangen, der bereit war, seinen Schuldnern zu vergeben: Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ (Matthäus 6,14.15)

Wissend um diese Zukunft für die Schöpfung und die Geschöpfe Gottes gilt es, seinen Lebenswandel danach auszurichten: Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden. Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ (2. Petrusbrief 3,11-13)

Die Hoffnung auf die Gnade Gottes beim Endgericht, die man sich nicht durch Brandopfer auf dem Altar verdienen muss, hat Jesus Christus in die Welt gebracht. Er zeigt, dass Flammen nicht nur ein Symbol der Vernichtung sind, sondern auch des Lebens: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12) Zu Weihnachten feiern die Christen das freudige Ereignis der Ankunft des Lichtes. Sie stellen mit Kerzen hell erleuchtete Nadelbäume auf als Symbol dafür, dass jetzt die Finsternis keinen Schrecken mehr hat. Das ist aber nur der erste Teil der Mission des Heilandes. Das Licht zur Geburt muss zur weit sichtbaren Flamme am Ende seines Wirkens werden, dem Weihnachtsfest muss der Karfreitag folgen, bevor die Gnade Gottes in der Welt wirksam werden kann: „Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erde; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte.“ (Lukas 12,49) Jesus muss durch sein Sühneopfer am Kreuz die Brandopfer am Altar ersetzen, um den Weg zur Vergebung Gottes frei zu machen.

Wenn jetzt Christen meinen, dass sie als Mitglieder der Kirche auf der sicheren Seite stehen und sie sich als Getaufte nicht weiter um das Evangelium bemühen müssen, schickt ihnen Jesus eine enttäuschende Botschaft. Er erinnert sie in aller Deutlichkeit daran, dass er seine echten Anhänger an ihren Früchten, d.h. an ihrem Lebenswandel entsprechend dem Evangelium, erkennt. „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen, sondern nur die, die den Willen tun meines Vaters im Himmel.“ (Matthäus 7,21) Die anderen wird Jesus am Ende der Zeit zurückweisen: „Ich habe euch noch nie gekannt, weicht von mir, ihr Übeltäter!“ (Matthäus 7,23)

Für diese Gruppe von Christen lässt Jesus keinen Zweifel daran, wohin sie ihr Weg nach dem Jüngsten Gericht führen wird: Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen verbrennen.“ (Johannes 15,6) Es steht aber jedem frei umzukehren und wieder Jesus Christus in die Mitte seines Lebens zu stellen. Er ist jederzeit zur Vergebung bereit.