Donnerstag, 20. August 2026

 

Der Esel im Dienste des Messias

Die Heilige Schrift lehrt, dass Jesus von Nazareth der verheißene Messias ist und benützt dazu teilweise eine Symbolsprache. Das kann die Verwendung von Heiligen Zahlen sein oder von besonderen Tieren. So wird aus Eseln, dem unersetzlichen, tagtäglichen Arbeitstier, ein Symbol für das Kommen des Heilands.

Zur Zeit Jesu war der Esel das gebräuchliche Lasttier wie ihn Abigajil verwendete, das den Menschen den Alltag erleichterte. Aber in der Bibel geht die Bedeutung von Eseln weit über die Alltagshilfe hinaus. Sie beginnt bei den Propheten, die sie für die Messiasprophezeiung benützen, und setzt sich im Neuen Testament fort, weil Jesus auf sie zurückgreift.

Als David sich vor Saul verstecken musste, war er auf die Hilfe des Bevölkerung angewiesen, die ihn mit Lebensmitteln versorgte. Die Frau des reichen Bauern Nabal ließ sich nicht lang bitten. Da eilte Abigajil und nahm 200 Brote und 2 Krüge Wein und 5 zubereitete Schafe und 5 Maß Röstkorn und 100 Rosinenkuchen und 200 Feigenkuchen und lud alles auf Esel.“ (1 Samuel 25,18) Nach Nabals Tod nahm David dessen Witwe Abigajil als seine Frau zu sich, und sie gebar ihm seinen zweiten Sohn, Kilab, der weiter keine Rolle in der Familiengeschichte spielte.

Eselinnen spielen auch bei der Salbung Sauls zum ersten israelitischen König eine entscheidende Rolle und gaben den Eselinnen ihre religiöse Bedeutung. Das Volk Israel wünschte sich einen König wie die anderen Völker, und Gott beauftragte seinen Propheten Samuel, seinen für dieses Amt Auserwählten zum König zu salben. Erkennen sollte er ihn als den jungen Mann, der die Eselinnen seines Vaters verloren hatte und auf der Suche nach ihnen zum Seher Samuel kommen wird: Morgen um diese Zeit will ich einen Mann zu dir senden, aus dem Lande Benjamin, den sollst du zum Fürsten salben über mein Volk Israels“ (1 Samuel 9,16a)

Bei seinem Einzug in Jerusalem greift Jesus sowohl auf die Königserwählung Sauls als auch auf die Messiasprophezeiung des Propheten Sacharja zurück: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ (Sacharja 9,9) Daran würden sie das Kommen des ersehnten Messias erkennen. Die Menschen in Jerusalem, die alle in den Synagogen über die Messiasprophezeiungen gelernt hatten, begriffen sofort die sensationelle Botschaft, als Jesus auf einer Eselin mit Füllen reitend, in die heilige Stadt einzog. Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn…..Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet. Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars.“ (Psalm 118, 25a.26) Das Volk jubelte dem Messias zu, wie es Psalm steht: Und viele breiteten ihre Kleider auf den Weg, andere aber grüne Zweige, die sie auf den Feldern abgehauen hatten. Und die voran gingen und die nachfolgten schrien: Hosianna! Gelobt sei der da kommt in dem Namen des Herrn.“ (Markus 11, 8.9)

Obwohl der Evangelist Lukas den Stall, in dem die Hirten das Jesuskind fanden, nicht genau beschreibt („Und die Hirten kamen eilends und fanden beide Maria und Josef. Dazu das Kind in der Krippe liegend“, Lukas 2, 16) gehört doch der Esel traditionell zu den christlichen Krippen. Er findet sich in den Messiasprophezeiungen des Jesaja: „Ein Ochs kennt seinen Herrn, und ein Esel die Krippe seines Herrn.“ (Jesaja 1,3a) Nun ist der Zusammenhang nicht auf den ersten Blick erkennbar, wird aber deutlich, wenn man die berühmten Messiasprophezeiungen des Jesaja zur Erklärung heran zieht: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geboren, und die Herrschaft ruht auf seine Schulter; Uns er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“ (Jesaja 9, 5) Und noch berühmter: „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Wahrheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist Erkenntnis und der Furcht des Herrn.“ (Jesaja 11,1.2) Der Esel an der Krippe soll das heraus streichen.

Der Evangelist Johannes, der letzte der vier Evangelisten, weist auf eine andere Möglichkeit hin, den Messias zu erkennen. Er beruft sich auf die Taten, die nur der Messias vollbringen kann. Der zweifelnde Nathanael wird von Jesus in die Nachfolge berufen: Du wirst noch Größeres als das sehen.“ (Johannes 1,50b) Damit meint Jesus, dass er Nathanael - sich selbst an einem fernen Ort sich aufhaltend - unter einem Feigenbaum sitzen sah, als diesem Philippus vom Messias erzählte. Beeindruckt schließt sich Nathanael Jesus an: „Wir habe den gefunden, von dem Moses im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. (Johannes 1, 45)

Wir leugnen heute nicht, dass Jesus von Nazareth der Messias ist. Seit der Auferstehung von den Toten steht fest, dass Jesus von Nazareth der verheißene Messias ist, denn niemand als der Sohn Gottes kann dies vollbringen. Zu Ostern, dem höchsten christlichen Feiertag, gedenken wir dem ultimativen Zeugnis, das der Messias - wie verheißen - abgelegt hat, um die Menschen von ihrer Gottesferne zu erlösen und ihnen die Hoffnung auf das Reich Gottes zu geben.

Sonntag, 14. Juni 2026

 

Sünde und Vergebung


Ein wesentlicher Grundpfeiler der christlichen Lehre ist das sündhafte Verhalten. Sünde ist Schuld vor Gott, die Abwendung von ihm. Aber die Macht der Sünde wird von Jesus bekämpft, besiegt und im Glauben an Christus überwunden. Durch die Entsendung des Messias will Gott seinen Geschöpfen die Möglichkeit einräumen, die Entfremdung von ihm, die von seinen Geschöpfen ausgeht, zu überwinden. Jesu Botschaft im Evangelium ist die Verkündigung der Chance auf Vergebung und Versöhnung mit Gott. Bis zu Christus: Gottheiten werden durch Opferungen milde gestimmt, Reue war dafür nicht nötig, Opferungen waren keine Bußhandlungen, sondern ein Geschäft. Jesus macht dem Verdienstgedanken ein Ende: vor Gott gibt es überhaupt kein Verdienst: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte,  wir haben getan, was wir schuldig waren zu tun.“ (Lukas. 17,10).

Sünde ist immer Fehlverhalten (Ungehorsam) des Menschen gegen Gott und nicht gegen menschliche Gesetze (Kriminalität, unterschiedlich schwer, unterschiedlich schwere Bestrafung) Gibt es unterschiedlich Bestrafung für Sünde? Im Mittelalter führten die Menschen Strafen für die Sünde in der Welt ein: Scheiterhaufen.

Voraussetzung für die Gefahr sündhaften Verhaltens ist, dass Gott der Schöpfer und Herr der Welt ist. Sünde wird durch den freien Willen möglich, den Gott bei der Schöpfung den Menschen geschenkt hat. Der Mensch kann mit Gott leben oder ohne ihn. Dadurch, dass der Mensch die Wahl hat, trägt er auch Verantwortung für sein Handeln und muss darüber vor Gott am Ende der Zeit Rechenschaft ablegen. Die Sündenfallgeschichte zeigt, dass Gott Ausreden nicht zulässt. Adam, Eva und die Schlange müssen sich für ihren Ungehorsam verantworten, sie hatten die Wahl und haben sich gegen Gottes Willen entschieden. Ein sündiger Mensch setzt seine Wünsche über die von Gott.

Wir verdanken Gott unsere Existenz. Er ist für die Schöpfung verantwortlich und nimmt es auch wahr. Dass Gott den Messias in die Welt geschickt hat, beweist, dass er sich um seine Schöpfung kümmert. Er will keinen Menschen durch die Sünde verlieren. Gott lässt die Menschen durch Jesus Christus wissen, dass er bereit ist, jedem reuigen Sünder zu vergeben.

Es gibt nicht nur die „eine Sünde“. Wir finden in der Bibel mehrere Sündenkataloge aufgelistet, zusätzlich zu den Zehn Geboten. Für Jesus ist die größte Sünde die Selbstgerechtigkeit, denn nichts trennt so sehr von Gott wie die selbstsichere Frömmigkeit, die zur Arroganz gegenüber unserem Schöpfer verleitet. Und ebenso nimmt der Mensch, der zu gut von sich denkt, den Bruder nicht mehr ernst. Er hält sich für besser und verachtet ihn. Jesus packt dies Übel an der Wurzel, indem er mit der Verharmlosung der Sünde ein Ende macht. Nichts scheidet so radikal von Gott wie selbstsichere Frömmigkeit.

Selbstgerechtigkeit ist fehlende Demut vor Gott, die zur Hartherzigkeit gegenüber den Mitmenschen führt. So ein Mensch denkt zu gut über seine Frömmigkeit, er sieht sich über die Sünde erhaben, wird intolerant und verächtlich. Der Selbstgerechte ist so von der Richtigkeit seines religiösen Lebens überzeugt, dass er keine Angst vor Gott hat: er erfülle sichtbar alle Forderungen der Bibel, und so bleibe Gott nichts Anderes übrig, als auch gut von ihm zu denken. Selbstsicherheit zerstört nach Jesu Meinung das ganze fromme Leben. Der Mensch, der zu gut von sich selbst denkt, nimmt Gott nicht mehr ernst. Weil er sich des positiven Urteils Gottes sicher ist, fragt er nur noch danach, wie die Menschen über ihn denken. Seine Frömmigkeit wird zur Heuchelei: damit du dich nicht vor den Menschen zeigst, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater der das Verborgene sieht, wir dir’s vergelten.“ (Matthäus. 6,18b).

Im 3. Jahrhundert wurden die Christenverfolgungen immer härter. Vor allem die Kaiser Decius (249-251) und Diocletian (284-305) griffen brutal durch, um das Christentum auszurotten und die alte römische Religion wieder zum einigenden Band des Imperiums zu machen. Viele Christen erlitten tapfer den Märtyrertod, aber viele knickten auch aus Todesangst ein und brachten das geforderte Götteropfer dar. Es waren jedoch nur kurzfristige Erfolge, über die die Machthaber jubeln konnten. Das Rad der Zeit ließ sich auch mit Gewalt nicht zurückdrehen. Die Kirche war bereits zu fest in der Gesellschaft verankert, um sie zu vernichten. Das Toleranzedikt von 313 n. Chr. trug der gesellschaftlichen Realität Rechnung und erklärte das Christentum zur gleichberechtigten Glaubensgemeinschaft. Nun war es an den Christen zu jubeln, groß war die Freude über die Religionsfreiheit. Aber bald sollten sich unerwartete Belastungen zeigen, die die Einheit der Kirche bedrohten – und zerstörten.

Denn nun, wo es ungefährlich war, Christ zu sein, wollten die Abgefallenen wieder in der Kirche aufgenommen werden. Ihr Glaube an Jesus Christus hatte sich in der Bedrängnis nicht geändert, nur die Todesangst hatte sie dazu gebracht, dem Messias untreu zu werden. Das sahen jene, die standhaft geblieben waren, aber nicht ein. Angeführt wurden diese Unnachsichtigen vom römischen Presbyter Novartian, einem energischen und theologisch gebildeten Mann. Er und seine Gesinnungsfreunde empfanden es als ungerecht, dass die „Verräter“ jetzt wieder einfach in die Kirche zurückkehren konnten als wäre nichts geschehen - und somit auf der selben Stufe standen wie sie, die Tapferen.

Der Streit zwischen Ideal und Realität ging nicht gut aus für die Christenheit, es kam zu einer Abspaltung. Novartian und seine Anhänger bestanden auf einer „rigorosen Kirche der Reinen“ und den unwiderruflichen Ausschluss der Abgefallenen. Sie zeigten keine Barmherzigkeit für jene, die aus Angst schwach geworden waren. Da sie sich gegen die Mehrheit in der Kirche nicht durchsetzen konnten, gründeten sie ihre eigene und fanden Mitglieder im ganzen Römischen Reich.

Waren Novartian und seine Anhänger wirklich im Recht? Man könnte nach menschlichem Ermessen sagen, eh klar, die Standhaften haben sich bewährt, die anderen sind Verräter – das mutige Durchhaltevermögen gehört belohnt. Aber ist es das, was Jesus gelehrt hat? Ohne Zweifel nicht, Novartian und seine Gesinnungsfreunde haben nicht den Willen Jesu umgesetzt, denn für Christen zählt allein das, was Jesus richtig findet und nicht, was bei den Menschen gut ankommt.

Im Gleichnis vom „Pharisäer und Zöllner“ machte Jesus deutlich, welche Werte bei ihm zählen. Er verglich zwei Männer, die in den Tempel zum Beten gingen, miteinander. Der eine war ein hochangesehener Pharisäer, der andere ein gesellschaftlich verachteter Zöllner. Ersterer betete so: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste 2x in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“ (Lukas 18,11.12) Stolz und prahlerisch hatte sich der Pharisäer vor Gott hingestellt, da er sich keiner Sünde bewusst war. Ganz anders dagegen der Zöllner. Er stand ferne und „wollte die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig!“ (Lukas 18,13) Wer von beiden hatte sich nun richtig verhalten? Die Antwort von Jesus ist eindeutig, der Hochmut des Pharisäers findet keine Gnade vor Gott: „Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ (Lukas 18,14b)

Eingedenk der Worte Jesu wurde diese Gnade in der Alten Kirche den Abgefallenen zuteil. Die Barmherzigkeit der Standhaften und die Demut der Schwachgewordenen gab den Weg frei für die Rückkehr in die Kirchengemeinschaft. Eine Gesellschaft, die von Vergebungsbereitschaft geprägt ist, ist eine liebevolle Gemeinschaft – und Jesus ist immer in ihrer Mitte.

Jesus verlangt von uns Christen, dass wir uns Gottes Bereitschaft zur Vergebung den Sündern gegenüber zum Vorbild nehmen und sie an unsere Mitmenschen weiter geben. Deshalb hat Jesus im Vaterunser formuliert: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ (Matthäus 6,12) Für selbstgerechte, intolerante Frömmler hat Gott nichts übrig: „Wenn ihr den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben!“ (Matthäus 6,15) Warum ist die Sündenvergebung wichtig? Sie entscheidet über Gottes Wohlwollen beim Jüngsten Gericht Jesu persönliches Verhalten gegenüber seiner Umwelt entspricht dem zuwendenden Verhalten Gottes zu den Menschen: er verstößt Sünder nicht, sondern nimmt sie in seine Gemeinschaft auf und gibt ihnen die Möglichkeit eines neuen Lebens (Zöllnermahlzeit, Salbung der Sünderin, Gespräch mit der Ehebrecherin); er heilt Kranke, körperlich und seelisch Leidende und führt sogar Sterbende ins Leben zurück; er wendet sich den Armen und Notleidenden zu, speist Hungrige; auch den Fremden (von den Juden wegen kultischer Unreinheit gemieden) sind ihm nahe; er betont im Umgang mit den unterprivilegierten Frauen und Kindern ihren Wert.

Novatian hätte besser den Römerbrief von Paulus, dem Begründer der Weltkirche, gelesen und sich zu Herzen genommen: Denn im Evangelium wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben.“ (Römer 1,17a) Vergebungsbereitschaft ist ein Wesensmerkmal Gottes und in Jesus Christus hat er sich dazu bekannt.

Sonntag, 29. Juni 2025

 

Abschied von Galiläa


Jesus war als ältestes von mehreren Kindern in Nazareth aufgewachsen. Aber eines Tages kehrte er seinem Heimatdorf den Rücken und hörte auf, im familiären Zimmermanns-Betrieb zu arbeiten. In seinem neuen Leben begann Jesus in Galiläa als Wanderprediger zu wirken. Besonders die Ortschaften um den See Genezareth waren sein Betätigungsfeld. 
Nazareth hatte Jesus zwar hinter sich gelassen, aber eines Tages kam er in sein Heimatdorf zurück. Dort kannte ihn jeder, und seine Mutter und Geschwister lebten nach wie vor im Ort. Aber inzwischen hatte sich in Nazareth herum gesprochen, dass Jesus, einer der ihren, in Galiläa als religiöser Prediger berühmt geworden war.

Jesus wollte seinen Herkunftsort nicht von seiner Mission ausschließen, sondern das Evangelium auch hier persönlich verkündigen. Am Sabbat begab sich Jesus in die Synagoge. Da man ihn unbedingt predigen hören wollte, reichte man ihm die Jesaja-Rolle mit der Messias-Prophezeiung. Hoffnungsvoll gab sich Jesus den Leuten als der verheißene Messias zu erkennen. Vergebens. Da er von klein auf als unauffälliger Dorfbewohner in Nazareth gelebt hatte, glaubte ihm keiner, und sie vertrieben ihn mit Gewalt aus ihrer Mitte: „Und Jesus wunderte sich über ihren Unglauben. Und er ging rings umher in die Dörfer und lehrte.“ (Markus 6,6) Jesus kehrte nie wieder nach Nazareth zurück, es war nicht seine Art, Zwangsbekehrungen auszuüben. Er brachte das Evangelium in Galiläa zu jenen, die schon sehnsüchtig auf das Kommen des Messias warteten. Jesus rief ihnen zu: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15) und erfüllte mit seinen verheißungsvollen Worten die Herzen seiner Zuhörer mit großer Freude.

Galiläa war eine kleine Provinz im Norden Palästinas mit dem See Genezareth als Wirtschaftszentrum. Regiert wurde der Landstrich von Herodes Antipas. Aber Jesus mied die Residenzen des Fürsten, er biederte sich nie an die Mächtigen an: Und Jesus zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium vom Himmelreich und heilte Krankheiten und Gebrechen im Volk.“ (Matthäus 4, 23) Seine Botschaft war neu und begeisterte die Menschen. Viele folgten ihm von einem Ort zum anderen, um seine Worte über das ewige Leben im Reich Gottes zu hören.

Das Zentrum von Jesu Missionstätigkeit war Kapernaum, der Wohnort von Simon Petrus und seiner Familie. Im Haus des Jüngers heilte Jesus bei seiner Ankunft dessen Schwiegermutter vom Fieber. Der Meister blieb gern gesehener Gast, und alle Hausbewohner dienten ihm mit Freude. Jesus nahm die Gastfreundschaft gerne an, denn auch er brauchte von Zeit zu Zeit eine Pause, um sich von den anstrengenden Wanderungen zu erholen. Oft zog er sich auch von seinen Jüngern in die Einsamkeit der Natur zurück, hatte aber natürlich auch das Bedürfnis nach körperlicher Hygiene, für die man ein Haus mit seinen Waschmöglichkeiten brauchte. Eine weitere namentlich genannte Familie, die Jesus in seinen Grundbedürfnissen unterstützte, war jenes der drei Geschwister Martha, Maria und Lazarus. Die Anhängerschaft Jesu war groß. Es dienten ihm die Menschen, die in ihm den Messias erkannt hatten, mit großer Begeisterung – jeder auf seine Weise und so gut er konnte. Es gibt nicht nur eine Form der Nachfolge. Paulus, der nach Christi Rückkehr in den Himmel die Weltkirche begründen wird, warnt davor, eine bestimmte fromme Tätigkeit, etwa die Verkündigung oder die Sozialhilfe, überzubewerten und höher zu stellen als andere Dienste im Namen Jesu: „Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten!“ (1 Korinther 12,22) 

Immer wieder überquerte Jesus mit seinen Jüngern den See Genezareth, was nicht ungefährlich war. Der See, auch Galiläisches Meer genannt, hatte seine Tücken. Boote mussten stets damit rechnen, dass das Wasser von Stürmen aufgewühlt wurde. 

Eines Abends, es dunkelte bereits, äußerte Jesus den Wunsch, mit einem Boot an das andere Ufer hinüber zu fahren. Er war müde und wollte die Zeit zum Schlafen nützen. Jesus zog sich in den hinteren Teil des Schiffes zurück und war gleich auf einem Kissen eingeschlafen. „Und es hob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde.“ (Markus 4,37) Die Jünger gerieten in Panik und bekamen Todesangst. Das Boot drohte zu sinken, das rettende Ufer war weit entfernt. Aufgeregt weckten sie den Meister und flehten ihn um Hilfe an: „Und Jesus stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem See: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille! (Markus 4,39) Betroffen sahen sich die Jünger an: wir sind mit Jesus zusammen und haben trotzdem Angst? Wir wissen doch, dass wir dem Messias nachfolgen? Wieso ist unser Glaube immer noch so wankelmütig? Die Jünger lernten aus ihrem Fehler und folgten nunmehr ihrem Meister verstärkt in dem Bemühen nach, Jesus vorbehaltlos zu vertrauen. Am Ende der Mission Jesu, wenn er gekreuzigt wird, wird ihr Glaube auf eine harte Probe gestellt werden, die sie nur knapp schaffen. Aber darauf kommt es letztendlich an: eine Glaubenskrise zu bestehen. Nach Jesu Rückkehr in den Himmel halten die Jünger am Evangelium fest und tragen die Botschaft des Heilands in die Welt hinaus.

Jesus verband als Prediger die Verkündigung des Evangeliums mit praktischen Beispielen. Er sprach nicht nur vom Reich Gottes in theoretischen Worten, sondern führte durch Heilungen und Naturwunder vor, was die Menschen im Himmelreich Gottes zu erwarten hatten. Sie müssen sich nicht mehr vor Krankheiten fürchten. Und die Natur bringt nicht Verderben und Tod, sondern Wohlergehen und Freude.

In Kapernaum legte Jesus den Grundstein für seine Bekanntheit als religiöser Reformer. Er lehrte in der Synagoge und heilte einen Mann von seinen frommen Wahnvorstellungen. Nachdem er die Schwiegermutter von Simon Petrus vom Fieber geheilt hatte, brachten auch andere Einwohner der Stadt ihre Kranken mit mancherlei Leiden zu ihm. Selbst der römische Hauptmann von Kapernaum kam mit der Bitte zum Rabbi, seinen kranken Knecht, der unter großen Schmerzen litt, gesund zu machen. Die Bewohner wollten unbedingt, dass Jesus bei ihnen bleibt, aber Jesus musste ablehnen: „Ich muss auch den anderen Städten predigen vom Reich Gottes; denn dazu bin ich gesandt.“ (Lukas 4,43)

Den genauen Weg, den Jesus in Galiläa genommen hat, kennen wir nicht, denn die Evangelisten nannten Orte nur im Zusammenhang mit besonders ausführlichen Predigten und Wundertaten. Neben Kapernaum hören wir vom Städtebund Dekapolis, von Magdala, Kana, Nain und einigen mehr. In dem reichen Fischerdorf Bethsaida heilte Jesus einen Blinden.

Für die Jünger und das Volk schien Jesus eine göttliche Mission zu erfüllen, die sich auf Galiläa beschränkte. Immerhin wanderte er nun schon einige Jahre als Prediger durch die Nordprovinz von Palästina. Die Menschen hörten Jesus vom Reich Gottes, das auf Gläubige im Jenseits wartet, reden, machten sich aber keine weiteren Gedanken darüber, dass es dazu noch eines Versöhnungsopfers mit Gott in Jerusalem benötigte.

Dieses religiöse Ritual war an sich nichts Neues, jeder Israelit kannte es und feierte es 1x im Jahr. An diesem höchsten Feiertag, Jom Kippur; wurde es vor dem Tempel von Jerusalem durchgeführt. Der Hohepriester verrichtete selbst alle rituellen Dienste und trat vor Gott, um Vergebung für die Sünden des Volkes Israel im zurückliegenden Jahr zu erbitten. Zwei Lämmer wurden Gott als Blutopfer dargebracht. Der Hohepriester belud die beiden Tiere symbolisch mit den Sünden des Volkes und jagte danach das eine Lamm zum Sterben in die Wüste und schlachtete das andere auf dem Altar. Danach gingen die Leute, mit Gott versöhnt, nach Hause. In einem Jahr werden sie wiederkommen und das Versöhnungsritual wiederholen.

An dieses fromme Ritual der Sündenvergebung knüpft Jesus mit seiner blutigen Hinrichtung am Kreuz an. Er ist das unschuldige Lamm, das getötet wird, um stellvertretend für die sündigen Menschen sein Blut zu vergießen und so den Gläubigen die Vergebung Gottes zu bringen.

Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied zwischen Jom Kippur und Jesus von Nazareth: sein Blutopfer erbringt der Messias nur einmal, es ist nicht wiederholbar. Denn Gott hat durch das Sterben seines Sohnes gezeigt, dass er zur Versöhnung mit dem sündigen Menschen bereit ist - aber nur, wenn dieser Verantwortung für sein Fehlverhalten gegen Gott übernimmt. Vor der Vergebung kommt die Reue des Sünders. Sie ist wiederholbar, weil der Sohn Gottes sich am Kreuz geopfert hatte.

Die erste Ankündigung seines bevorstehenden Leidensweges kam für die Jünger völlig überraschend. Wovon sprach da der Meister? Die Ältesten und der Hohepriester sowie die Schriftgelehrten wollten Jesus in Jerusalem töten, aber er werde am 3. Tag wieder aufstehen? Besonders fassungslos regierte Simon Petrus: „Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht!“ (Matthäus 16,22) Jesus sah, dass Petrus nichts von seiner Messianität verstanden hatte und wies ihn zurück: „Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist!“ (Matthäus 16,23)

In einer zweiten Leidensankündigung seinen Jüngern gegenüber präzisierte Jesus sein bevorstehendes Schicksal: „Der Messias wird überantwortet werden in die Hände der Menschen, und sie werden ihn töten; und wenn er getötet ist, so wird er nach 3 Tagen auferstehen.“ (Markus 9,31) Die Jünger begriffen nichts, und sie bekamen es mit der Angst zu tun.

Und dann kam der Tag, an dem es nicht mehr bei einer Ankündigung blieb, sondern Jesus seine Mission in Galiläa für beendet erklärte und den Weg nach Süden einschlug. Noch einmal erklärte Jesus seinen Jüngern den Grund für den Ortswechsel: Seht, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Messias wird den Hohepriestern und Schriftgelehrten überantwortet werden, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und werden ihn den Heiden überantworten, damit sie ihn verspotten und geißeln und kreuzigen; und am dritten Tag wird er auferstehen.“ (Matthäus 20,18.19) Die Jünger waren über diese Worte entsetzt, aber sie gingen mit ihrem Meister mit – in der Hoffnung, dass alles doch nicht so schlimm werden wird. Jesus hatte in Galiläa nur Gutes getan, warum sollte er in Jerusalem gekreuzigt werden?

Nachdem Jesus den Weg in die Provinz Judäa eingeschlagen hatte, blickte er nicht mehr zurück. Er hielt sich an seine Forderung zur rechten Nachfolge: wer sich ihm anschließen will, aber sich umdreht und sein altes Leben nicht zurücklassen kann, ist nicht geeignet für die Nachfolge Jesu Christi: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lukas 9,62)

Jesus ließ seine Heimat hinter sich, sie hatte ihren Zweck erfüllt. In Nazareth war er aufgewachsen und hatte in der Familie die religiösen Bräuche, die den Alltag der Israeliten prägten, kennen gelernt. Im Dorf war er offenbar auch in die Schule gegangen, denn er konnte lesen und schreiben. In Galiläa hatte Jesus als Wanderprediger den Grundstein für seine göttliche Mission als Messias gelegt. In Jerusalem würden sein Versöhnungsopfer am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten den Schlusspunkt setzen und den Menschen den Weg ins Paradies ebnen.

Abschied von Nazareth, Abschied von Galiläa, Abschied von der Welt: kein Blick zurück, sondern nur das Erklimmen einer weiteren Stufe im Dienste Gottes. Auch wir Menschen durchlaufen viele Phasen in unserem Leben, niemand ist von heute auf morgen glaubensfester Christ. Viele oft steinige Erfahrungen mit Gott sind nötig, um im Glauben Schritt für Schritt weiter bis zu jenem Punkt zu gelangen, an dem man sich nicht mehr umdreht, sondern nur noch der Aufforderung Jesu Folge leistet: „Kommt und seht!“ (Johannes 1,39a) Und angelangt an diesem Punkt kann nichts mehr das Vertrauen in den Heiland erschüttern. Man führt den Pflug nur noch vorwärts.