Abschied
von Galiläa
Jesus
war als ältestes von mehreren Kindern in Nazareth aufgewachsen. Aber
eines Tages kehrte er seinem Heimatdorf den Rücken und hörte auf,
im familiären Zimmermanns-Betrieb zu arbeiten. In seinem
neuen Leben begann Jesus in Galiläa als Wanderprediger zu wirken.
Besonders die Ortschaften um den See Genezareth waren sein
Betätigungsfeld.
Nazareth
hatte Jesus zwar hinter sich gelassen, aber eines Tages kam er in
sein Heimatdorf zurück. Dort kannte ihn jeder, und seine Mutter und Geschwister lebten nach wie vor im Ort. Aber inzwischen
hatte sich in Nazareth herum gesprochen, dass Jesus, einer der ihren,
in Galiläa als religiöser Prediger berühmt geworden war.
Jesus
wollte seinen Herkunftsort nicht von seiner Mission ausschließen,
sondern das Evangelium auch hier persönlich verkündigen. Am Sabbat
begab sich Jesus in die Synagoge. Da man ihn unbedingt predigen hören
wollte, reichte man ihm die Jesaja-Rolle mit der
Messias-Prophezeiung. Hoffnungsvoll gab sich Jesus den Leuten als der
verheißene Messias zu erkennen. Vergebens. Da er von klein auf als
unauffälliger Dorfbewohner in Nazareth gelebt hatte, glaubte ihm
keiner, und sie vertrieben ihn mit Gewalt aus ihrer Mitte: „Und
Jesus wunderte sich über ihren Unglauben. Und er ging rings umher in
die Dörfer und lehrte.“ (Markus
6,6)
Jesus kehrte nie wieder nach Nazareth
zurück, es war nicht seine Art,
Zwangsbekehrungen auszuüben. Er brachte
das Evangelium in Galiläa zu
jenen, die
schon sehnsüchtig auf das Kommen des Messias warteten. Jesus
rief ihnen zu: „Die
Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße
und glaubt an das Evangelium!“ (Markus
1,15) und
erfüllte mit seinen verheißungsvollen
Worten die Herzen seiner Zuhörer mit
großer Freude.
Galiläa
war eine kleine Provinz im Norden Palästinas mit dem See
Genezareth als Wirtschaftszentrum.
Regiert wurde der Landstrich von Herodes Antipas. Aber Jesus mied die
Residenzen des Fürsten, er
biederte sich nie an die Mächtigen an:
„Und
Jesus zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und
predigte das Evangelium vom
Himmelreich und heilte Krankheiten und Gebrechen im Volk.“
(Matthäus 4, 23)
Seine Botschaft war neu
und
begeisterte die Menschen. Viele folgten
ihm von einem Ort zum anderen, um seine
Worte über das
ewige Leben im Reich Gottes zu hören.

Das
Zentrum von Jesu Missionstätigkeit
war Kapernaum, der
Wohnort von Simon Petrus und seiner Familie. Im Haus des
Jüngers heilte Jesus bei seiner Ankunft dessen
Schwiegermutter vom Fieber. Der Meister blieb gern gesehener Gast, und
alle Hausbewohner dienten ihm mit Freude. Jesus nahm die
Gastfreundschaft gerne an, denn auch er brauchte von Zeit zu Zeit
eine Pause, um sich von den anstrengenden Wanderungen zu erholen. Oft
zog er sich auch von seinen Jüngern in die Einsamkeit der Natur zurück,
hatte aber natürlich auch das Bedürfnis nach körperlicher Hygiene,
für die man ein Haus mit seinen Waschmöglichkeiten brauchte. Eine
weitere namentlich genannte Familie, die Jesus in seinen
Grundbedürfnissen unterstützte, war jenes der drei Geschwister
Martha, Maria und Lazarus. Die Anhängerschaft Jesu war
groß. Es dienten ihm die Menschen, die in ihm den Messias
erkannt hatten, mit großer Begeisterung – jeder auf seine Weise und
so gut er konnte. Es
gibt nicht nur eine Form der Nachfolge. Paulus, der nach Christi
Rückkehr in den Himmel die Weltkirche begründen wird, warnt davor,
eine bestimmte fromme Tätigkeit, etwa die Verkündigung oder die
Sozialhilfe, überzubewerten und höher zu stellen als andere Dienste
im Namen Jesu: „Vielmehr
sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein
scheinen, die nötigsten!“ (1
Korinther 12,22)
Immer wieder überquerte Jesus mit seinen Jüngern den See
Genezareth, was nicht
ungefährlich war. Der
See, auch
Galiläisches Meer genannt, hatte seine
Tücken. Boote
mussten stets damit rechnen, dass das Wasser von Stürmen aufgewühlt
wurde.
Eines Abends, es
dunkelte bereits, äußerte Jesus den Wunsch, mit
einem Boot an das andere
Ufer hinüber zu fahren. Er war müde und wollte die Zeit zum
Schlafen nützen. Jesus zog sich in
den hinteren Teil des
Schiffes zurück und war gleich auf einem Kissen eingeschlafen. „Und
es hob sich ein
großer Windwirbel, und
die
Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde.“
(Markus
4,37)
Die
Jünger gerieten in Panik und bekamen Todesangst. Das
Boot drohte zu sinken, das rettende Ufer war weit entfernt. Aufgeregt
weckten sie den Meister und flehten ihn um Hilfe an: „Und
Jesus stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem See: Schweig
und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große
Stille! (Markus
4,39)
Betroffen
sahen sich die Jünger an: wir
sind mit Jesus zusammen und haben trotzdem Angst? Wir
wissen doch, dass wir dem Messias nachfolgen? Wieso
ist unser Glaube immer
noch
so wankelmütig? Die Jünger lernten aus ihrem Fehler
und folgten nunmehr ihrem Meister verstärkt in dem Bemühen nach, Jesus vorbehaltlos zu
vertrauen. Am Ende der Mission Jesu, wenn er gekreuzigt wird, wird ihr Glaube auf eine
harte Probe gestellt werden, die sie nur knapp schaffen. Aber darauf kommt es letztendlich an: eine Glaubenskrise zu bestehen. Nach Jesu Rückkehr in den Himmel
halten die Jünger am Evangelium fest und tragen die Botschaft des
Heilands in die Welt hinaus.

Jesus
verband als Prediger die Verkündigung des Evangeliums mit
praktischen Beispielen. Er sprach nicht nur vom Reich Gottes in
theoretischen Worten, sondern führte durch Heilungen und Naturwunder
vor, was die Menschen im Himmelreich Gottes zu erwarten
hatten. Sie müssen sich nicht mehr vor Krankheiten fürchten. Und die Natur bringt nicht
Verderben und Tod, sondern Wohlergehen und
Freude.
In
Kapernaum legte Jesus den Grundstein für seine Bekanntheit als
religiöser Reformer. Er lehrte in der Synagoge und heilte einen Mann
von seinen frommen Wahnvorstellungen. Nachdem er die Schwiegermutter
von Simon Petrus vom Fieber geheilt hatte, brachten auch andere
Einwohner der Stadt ihre Kranken mit mancherlei Leiden zu ihm. Selbst
der römische Hauptmann von Kapernaum kam mit der Bitte zum Rabbi,
seinen kranken Knecht, der unter großen Schmerzen litt, gesund zu
machen. Die Bewohner wollten unbedingt, dass Jesus bei ihnen bleibt,
aber Jesus musste ablehnen: „Ich muss auch
den anderen Städten predigen vom Reich Gottes; denn dazu bin ich
gesandt.“ (Lukas
4,43)

Den
genauen Weg, den Jesus in Galiläa genommen hat, kennen wir nicht,
denn die Evangelisten nannten Orte nur im Zusammenhang mit
besonders ausführlichen Predigten und Wundertaten. Neben
Kapernaum hören wir vom Städtebund Dekapolis, von Magdala,
Kana, Nain und einigen mehr. In dem reichen Fischerdorf Bethsaida heilte
Jesus einen
Blinden.
Für
die Jünger und das Volk schien Jesus eine göttliche Mission zu
erfüllen, die sich auf Galiläa beschränkte. Immerhin wanderte er
nun schon einige Jahre als Prediger durch die Nordprovinz von
Palästina. Die Menschen hörten Jesus vom Reich Gottes, das auf
Gläubige im Jenseits wartet, reden, machten sich aber keine weiteren
Gedanken darüber, dass es dazu noch eines Versöhnungsopfers mit
Gott in Jerusalem benötigte.
Dieses
religiöse Ritual war an sich nichts Neues, jeder Israelit kannte es
und feierte es 1x im Jahr. An diesem höchsten Feiertag, Jom Kippur;
wurde es vor dem Tempel von Jerusalem durchgeführt. Der Hohepriester
verrichtete selbst alle rituellen Dienste und trat vor Gott, um
Vergebung für die Sünden des Volkes Israel im zurückliegenden Jahr
zu erbitten. Zwei Lämmer wurden Gott als Blutopfer dargebracht. Der
Hohepriester belud die beiden Tiere symbolisch mit den Sünden des
Volkes und jagte danach das eine Lamm zum Sterben in die Wüste und
schlachtete das andere auf dem Altar. Danach gingen die Leute, mit
Gott versöhnt, nach Hause. In einem Jahr werden
sie wiederkommen und das Versöhnungsritual wiederholen.
An
dieses fromme Ritual der Sündenvergebung knüpft Jesus mit seiner
blutigen Hinrichtung am Kreuz an. Er ist das unschuldige Lamm, das
getötet wird, um stellvertretend für die sündigen Menschen sein
Blut zu vergießen und so den Gläubigen die Vergebung Gottes zu
bringen.
Es
gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied zwischen Jom Kippur
und Jesus von Nazareth: sein Blutopfer erbringt der Messias nur
einmal, es ist nicht wiederholbar. Denn Gott hat durch das Sterben
seines Sohnes gezeigt, dass er zur Versöhnung mit dem sündigen
Menschen bereit ist - aber nur, wenn dieser Verantwortung für sein
Fehlverhalten gegen Gott übernimmt. Vor der Vergebung kommt die
Reue des Sünders. Sie ist wiederholbar, weil der Sohn Gottes sich am Kreuz geopfert hatte.
Die
erste Ankündigung seines bevorstehenden Leidensweges kam für die
Jünger völlig überraschend. Wovon sprach da der Meister? Die
Ältesten und der Hohepriester sowie die Schriftgelehrten wollten
Jesus in Jerusalem töten, aber er werde am 3. Tag wieder aufstehen?
Besonders fassungslos regierte Simon Petrus: „Gott
bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht!“ (Matthäus
16,22)
Jesus sah, dass Petrus nichts von seiner Messianität verstanden
hatte und wies ihn zurück: „Du bist mir ein
Ärgernis; denn du
meinst nicht, was göttlich, sondern was
menschlich ist!“ (Matthäus
16,23)
In
einer zweiten Leidensankündigung seinen Jüngern gegenüber
präzisierte Jesus sein bevorstehendes Schicksal: „Der
Messias wird überantwortet werden in die Hände der Menschen, und
sie werden ihn töten; und wenn er getötet ist, so wird er nach 3
Tagen auferstehen.“ (Markus 9,31)
Die Jünger begriffen nichts, und sie
bekamen es mit der Angst zu tun.

Und
dann kam der Tag, an dem es nicht mehr bei einer Ankündigung blieb,
sondern Jesus seine Mission in Galiläa für beendet erklärte und
den Weg nach Süden einschlug. Noch einmal erklärte Jesus seinen
Jüngern den Grund für den Ortswechsel: „Seht,
wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Messias wird den
Hohepriestern
und
Schriftgelehrten überantwortet
werden, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und
werden ihn den Heiden überantworten, damit sie ihn verspotten und
geißeln und
kreuzigen; und am dritten Tag wird er auferstehen.“
(Matthäus 20,18.19)
Die Jünger waren über diese Worte entsetzt, aber sie gingen mit
ihrem Meister mit – in der Hoffnung, dass alles doch nicht so
schlimm werden wird. Jesus hatte in Galiläa nur Gutes getan, warum
sollte er in Jerusalem gekreuzigt werden?

Nachdem
Jesus den Weg in die Provinz Judäa eingeschlagen hatte, blickte er
nicht mehr zurück. Er hielt sich an seine Forderung zur rechten
Nachfolge: wer sich ihm anschließen will,
aber sich umdreht und
sein altes Leben nicht
zurücklassen kann, ist
nicht geeignet für die Nachfolge Jesu Christi: „Wer
seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht
geschickt für das Reich Gottes.“
(Lukas
9,62)
Jesus
ließ seine Heimat hinter sich, sie hatte ihren Zweck erfüllt. In
Nazareth war er aufgewachsen und hatte in der Familie die religiösen
Bräuche, die den Alltag der Israeliten prägten, kennen gelernt. Im
Dorf war er offenbar auch in die Schule gegangen, denn er konnte
lesen und schreiben. In Galiläa hatte Jesus als Wanderprediger den
Grundstein für seine göttliche Mission als Messias gelegt. In
Jerusalem würden sein Versöhnungsopfer am Kreuz und seine
Auferstehung von den Toten den
Schlusspunkt setzen und den Menschen den Weg ins Paradies ebnen.

Abschied
von Nazareth, Abschied von Galiläa, Abschied von der Welt: kein
Blick zurück, sondern nur das Erklimmen einer weiteren Stufe im
Dienste Gottes. Auch wir Menschen durchlaufen viele Phasen in unserem
Leben, niemand ist von heute auf morgen glaubensfester Christ. Viele oft steinige Erfahrungen mit Gott sind nötig, um im Glauben Schritt für Schritt weiter bis zu jenem Punkt zu gelangen, an dem man sich nicht
mehr umdreht, sondern nur noch der Aufforderung Jesu Folge leistet:
„Kommt und seht!“ (Johannes
1,39a)
Und angelangt an diesem Punkt kann nichts mehr das Vertrauen in den
Heiland erschüttern. Man führt den Pflug nur noch vorwärts.