Sonntag, 14. Juni 2026

 

Sünde und Vergebung


Ein wesentlicher Grundpfeiler der christlichen Lehre ist das sündhafte Verhalten. Sünde ist Schuld vor Gott, die Abwendung von ihm. Aber die Macht der Sünde wird von Jesus bekämpft, besiegt und im Glauben an Christus überwunden. Durch die Entsendung des Messias will Gott seinen Geschöpfen die Möglichkeit einräumen, die Entfremdung von ihm, die von seinen Geschöpfen ausgeht, zu überwinden. Jesu Botschaft im Evangelium ist die Verkündigung der Chance auf Vergebung und Versöhnung mit Gott. Bis zu Christus: Gottheiten werden durch Opferungen milde gestimmt, Reue war dafür nicht nötig, Opferungen waren keine Bußhandlungen, sondern ein Geschäft. Jesus macht dem Verdienstgedanken ein Ende: vor Gott gibt es überhaupt kein Verdienst: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte,  wir haben getan, was wir schuldig waren zu tun.“ (Lukas. 17,10).

Sünde ist immer Fehlverhalten (Ungehorsam) des Menschen gegen Gott und nicht gegen menschliche Gesetze (Kriminalität, unterschiedlich schwer, unterschiedlich schwere Bestrafung) Gibt es unterschiedlich Bestrafung für Sünde? Im Mittelalter führten die Menschen Strafen für die Sünde in der Welt ein: Scheiterhaufen.

Voraussetzung für die Gefahr sündhaften Verhaltens ist, dass Gott der Schöpfer und Herr der Welt ist. Sünde wird durch den freien Willen möglich, den Gott bei der Schöpfung den Menschen geschenkt hat. Der Mensch kann mit Gott leben oder ohne ihn. Dadurch, dass der Mensch die Wahl hat, trägt er auch Verantwortung für sein Handeln und muss darüber vor Gott am Ende der Zeit Rechenschaft ablegen. Die Sündenfallgeschichte zeigt, dass Gott Ausreden nicht zulässt. Adam, Eva und die Schlange müssen sich für ihren Ungehorsam verantworten, sie hatten die Wahl und haben sich gegen Gottes Willen entschieden. Ein sündiger Mensch setzt seine Wünsche über die von Gott.

Wir verdanken Gott unsere Existenz. Er ist für die Schöpfung verantwortlich und nimmt es auch wahr. Dass Gott den Messias in die Welt geschickt hat, beweist, dass er sich um seine Schöpfung kümmert. Er will keinen Menschen durch die Sünde verlieren. Gott lässt die Menschen durch Jesus Christus wissen, dass er bereit ist, jedem reuigen Sünder zu vergeben.

Es gibt nicht nur die „eine Sünde“. Wir finden in der Bibel mehrere Sündenkataloge aufgelistet, zusätzlich zu den Zehn Geboten. Für Jesus ist die größte Sünde die Selbstgerechtigkeit, denn nichts trennt so sehr von Gott wie die selbstsichere Frömmigkeit, die zur Arroganz gegenüber unserem Schöpfer verleitet. Und ebenso nimmt der Mensch, der zu gut von sich denkt, den Bruder nicht mehr ernst. Er hält sich für besser und verachtet ihn. Jesus packt dies Übel an der Wurzel, indem er mit der Verharmlosung der Sünde ein Ende macht. Nichts scheidet so radikal von Gott wie selbstsichere Frömmigkeit.

Selbstgerechtigkeit ist fehlende Demut vor Gott, die zur Hartherzigkeit gegenüber den Mitmenschen führt. So ein Mensch denkt zu gut über seine Frömmigkeit, er sieht sich über die Sünde erhaben, wird intolerant und verächtlich. Der Selbstgerechte ist so von der Richtigkeit seines religiösen Lebens überzeugt, dass er keine Angst vor Gott hat: er erfülle sichtbar alle Forderungen der Bibel, und so bleibe Gott nichts Anderes übrig, als auch gut von ihm zu denken. Selbstsicherheit zerstört nach Jesu Meinung das ganze fromme Leben. Der Mensch, der zu gut von sich selbst denkt, nimmt Gott nicht mehr ernst. Weil er sich des positiven Urteils Gottes sicher ist, fragt er nur noch danach, wie die Menschen über ihn denken. Seine Frömmigkeit wird zur Heuchelei: damit du dich nicht vor den Menschen zeigst, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater der das Verborgene sieht, wir dir’s vergelten.“ (Matthäus. 6,18b).

Im 3. Jahrhundert wurden die Christenverfolgungen immer härter. Vor allem die Kaiser Decius (249-251) und Diocletian (284-305) griffen brutal durch, um das Christentum auszurotten und die alte römische Religion wieder zum einigenden Band des Imperiums zu machen. Viele Christen erlitten tapfer den Märtyrertod, aber viele knickten auch aus Todesangst ein und brachten das geforderte Götteropfer dar. Es waren jedoch nur kurzfristige Erfolge, über die die Machthaber jubeln konnten. Das Rad der Zeit ließ sich auch mit Gewalt nicht zurückdrehen. Die Kirche war bereits zu fest in der Gesellschaft verankert, um sie zu vernichten. Das Toleranzedikt von 313 n. Chr. trug der gesellschaftlichen Realität Rechnung und erklärte das Christentum zur gleichberechtigten Glaubensgemeinschaft. Nun war es an den Christen zu jubeln, groß war die Freude über die Religionsfreiheit. Aber bald sollten sich unerwartete Belastungen zeigen, die die Einheit der Kirche bedrohten – und zerstörten.

Denn nun, wo es ungefährlich war, Christ zu sein, wollten die Abgefallenen wieder in der Kirche aufgenommen werden. Ihr Glaube an Jesus Christus hatte sich in der Bedrängnis nicht geändert, nur die Todesangst hatte sie dazu gebracht, dem Messias untreu zu werden. Das sahen jene, die standhaft geblieben waren, aber nicht ein. Angeführt wurden diese Unnachsichtigen vom römischen Presbyter Novartian, einem energischen und theologisch gebildeten Mann. Er und seine Gesinnungsfreunde empfanden es als ungerecht, dass die „Verräter“ jetzt wieder einfach in die Kirche zurückkehren konnten als wäre nichts geschehen - und somit auf der selben Stufe standen wie sie, die Tapferen.

Der Streit zwischen Ideal und Realität ging nicht gut aus für die Christenheit, es kam zu einer Abspaltung. Novartian und seine Anhänger bestanden auf einer „rigorosen Kirche der Reinen“ und den unwiderruflichen Ausschluss der Abgefallenen. Sie zeigten keine Barmherzigkeit für jene, die aus Angst schwach geworden waren. Da sie sich gegen die Mehrheit in der Kirche nicht durchsetzen konnten, gründeten sie ihre eigene und fanden Mitglieder im ganzen Römischen Reich.

Waren Novartian und seine Anhänger wirklich im Recht? Man könnte nach menschlichem Ermessen sagen, eh klar, die Standhaften haben sich bewährt, die anderen sind Verräter – das mutige Durchhaltevermögen gehört belohnt. Aber ist es das, was Jesus gelehrt hat? Ohne Zweifel nicht, Novartian und seine Gesinnungsfreunde haben nicht den Willen Jesu umgesetzt, denn für Christen zählt allein das, was Jesus richtig findet und nicht, was bei den Menschen gut ankommt.

Im Gleichnis vom „Pharisäer und Zöllner“ machte Jesus deutlich, welche Werte bei ihm zählen. Er verglich zwei Männer, die in den Tempel zum Beten gingen, miteinander. Der eine war ein hochangesehener Pharisäer, der andere ein gesellschaftlich verachteter Zöllner. Ersterer betete so: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste 2x in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“ (Lukas 18,11.12) Stolz und prahlerisch hatte sich der Pharisäer vor Gott hingestellt, da er sich keiner Sünde bewusst war. Ganz anders dagegen der Zöllner. Er stand ferne und „wollte die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig!“ (Lukas 18,13) Wer von beiden hatte sich nun richtig verhalten? Die Antwort von Jesus ist eindeutig, der Hochmut des Pharisäers findet keine Gnade vor Gott: „Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ (Lukas 18,14b)

Eingedenk der Worte Jesu wurde diese Gnade in der Alten Kirche den Abgefallenen zuteil. Die Barmherzigkeit der Standhaften und die Demut der Schwachgewordenen gab den Weg frei für die Rückkehr in die Kirchengemeinschaft. Eine Gesellschaft, die von Vergebungsbereitschaft geprägt ist, ist eine liebevolle Gemeinschaft – und Jesus ist immer in ihrer Mitte.

Jesus verlangt von uns Christen, dass wir uns Gottes Bereitschaft zur Vergebung den Sündern gegenüber zum Vorbild nehmen und sie an unsere Mitmenschen weiter geben. Deshalb hat Jesus im Vaterunser formuliert: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ (Matthäus 6,12) Für selbstgerechte, intolerante Frömmler hat Gott nichts übrig: „Wenn ihr den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben!“ (Matthäus 6,15) Warum ist die Sündenvergebung wichtig? Sie entscheidet über Gottes Wohlwollen beim Jüngsten Gericht Jesu persönliches Verhalten gegenüber seiner Umwelt entspricht dem zuwendenden Verhalten Gottes zu den Menschen: er verstößt Sünder nicht, sondern nimmt sie in seine Gemeinschaft auf und gibt ihnen die Möglichkeit eines neuen Lebens (Zöllnermahlzeit, Salbung der Sünderin, Gespräch mit der Ehebrecherin); er heilt Kranke, körperlich und seelisch Leidende und führt sogar Sterbende ins Leben zurück; er wendet sich den Armen und Notleidenden zu, speist Hungrige; auch den Fremden (von den Juden wegen kultischer Unreinheit gemieden) sind ihm nahe; er betont im Umgang mit den unterprivilegierten Frauen und Kindern ihren Wert.

Novatian hätte besser den Römerbrief von Paulus, dem Begründer der Weltkirche, gelesen und sich zu Herzen genommen: Denn im Evangelium wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben.“ (Römer 1,17a) Vergebungsbereitschaft ist ein Wesensmerkmal Gottes und in Jesus Christus hat er sich dazu bekannt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen